Ein Tag im Leben von

Marcel Merki - Bezirkslehrer


Es ist Montagmorgen, etwa halb neun Uhr, als ich das Bezirksschulhaus in Turgi betrete. Marcel unterrichtet hier. Ich kenne diese Schule nicht, dafür ein paar Schüler, welche Marcel als Lehrer haben. Ich weiss von ihnen, dass sie gerne zum «Merki» gehen.

Ich kenne Marcel von der Kanti her. An der Uni haben sich unsere Wege beim Studium für den Bez-Lehrer gekreuzt. Er hat wie ich die Fächer Mathematik, Physik und Biologie gewählt. Seine Studien- und Lehrtätigkeitszeit war auch durchmischt mit anderen Tätigkeiten wie Bauführung, Sanitär- und Maurerarbeiten bis hin zur eigenen Bude. Vor zehn Jahren habe ich ihn zweimal vertreten, an der Bez in Obersiggenthal und der Berufswahlschule in Baden. Nach anderen Teilpensen an der Bez Baden und Sek Ennetbaden ist er seit 1990 als Hauptlehrer im Teilamt an der Bezirksschule Turgi tätig.

Trakt C Zimmer 21, ich fände es dann schon. Ich gehe durch die stillen Gänge und finde die richtige Zimmertüre wirklich auf den ersten Blick, denn daran klebt ein lebensgroßes Plakat mit Marcel als Obelix mit grossen Augen und ebensolchem Bauch. Schmunzelnd betrachte ich es noch eine Weile, bevor ich anklopfe und eintrete.

Mathematik 3. Klasse.     Ein wenig unsicher stellt mich Marcel der Klasse vor, flüstert ihr: «sind denn echli aaständig» zu. Sonst würde es sich Herr Mützenberg zweimal überlegen, ob er Lehrer werden wolle. Ich setze mich ans Fenster mit einer wunderschönen Aussicht auf die Limmat und die Lägern. Geometrie: «Haben alle einen Zirkel? Zirkelspitzen sind für einen Stutz bei mir zu beziehen.» «Git´s au en Quittig für´d Mehrwärtstüür?», will ein Schüler wissen. Marcel bringt ihn zum Verstummen indem er ihn fragt, wieviel sie denn in diesem Fall ausmachen würde.

Marcel versuchte einmal, die Mathematikhausaufgaben auf freiwilliger Basis lösen zu lassen, da sie trotz Strichlein und anderen Kontrollen oft nicht gemacht wurden. Bei einer Klasse ging das prima, bei einer anderen hätten drei Schüler erst relativ spät begriffen, dass sie in Verzug kamen. Sie holten, mit Marcels Hilfe, das Verpasste nach. Er meint, durch diese Erfahrung hätten diese Schüler viel gelernt. Bei der jetztigen Klasse hat er den Versuch nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Zu viele wären hängengeblieben. Immer wieder suchen und versuchen, das gehört zum Lehrerberuf.

Als die Stunde zu Ende ist drängen bereits «seine» Zweitklässler herein. «Gälled si, drü hoch zwöi mol drü hoch zwöi git doch drü hoch vier oder einenachzg?» «Richtig.» Eine Probe ist angesagt. Ebenso nervös wie die Schüler ist Marcel. Er meint, dass diese Stunde mir wohl nicht viel bringen würde. Er versucht zur Türe zu gelangen, um diese zu schliessen und mich zu verabschieden. Dies gelingt ihm nur sehr schwer, denn ähnlich den Frauen in der Barockzeit mit ihren sperrigen Ringröcken hängt eine Schar Schüler um Marcel herum, um noch dieses und jenes zu klären. Darunter auch ein Mädchen, welches ihm ein Geschenk entgegenstreckt und versucht, ihm die Hand zu schütteln. Endlich, mit dem Glockenschlag, ist die Tür erreicht. «Gsend er, jetzt foht d´Prob aa.» Im Gang ist´s totenstill.

In der Krone gehe ich einen Kaffee trinken. Im Nachhinein bedauert Marcel, dass er gerade an diesem Tag mit «seiner 2b» eine Probe hatte. Sie seien wirklich «Schätze». Im Angesicht der drohenden Probe hätten sie ihm vorher noch «Happy Birthday» gesungen, denn Marcel wurde gestern siebenunddreissig. Auch werde in seiner Klasse viel über Gefühle gesprochen, vor allem in der Klassenlehrer-Stunde, welche für ihn überhaupt die wichtigste Stunde sei. Dies sei nur in einer guten Atmosphäre möglich, wo sich die Schüler gegenseitig nicht hänseln würden und keine Angst vor dummen Bemerkungen haben müssten. Auf meine Frage, ob es denn an ihm liege, dass eine gute Atmosphäre herrsche meint er abwehrend, dies liege vor allem an der Konstellation der Klasse. Seine letzte Klasse z.B.: «die hättet enander chönne Gift gäh!» Trotzdem sei das wichtigste für ihn zu versuchen, eine gute Atmosphäre im Klassenzimmer zu schaffen, so dass Fehler beiderseits möglich sein dürfen. Eine Atmosphäre, in der sich jeder wohl fühlt und ohne Hemmung frisch von der Leber weg sich trauen darf, auch «de gröschti Seich» herauslassen zu können, ohne deswegen von den anderen «abegmacht» zu werden. In einer guten Atmosphäre müsse man sich auch nicht wegen Kleinigkeiten aufhalten, bei welchen es manchmal bis zum Kampf kommen könne, wer der Stärkere sei.

Kommen die Schüler einmal z.B. nach einer Franz-Probe bereits gefrustet zu ihm herein und «wenn denn gar nüt goht .... »; solche Situationen machen ihm am meisten zu schaffen, v.a. während einer Mathematikstunde. Dann sollte man mit den Schülern während einer viertel Stunde etwas ganz anderes machen können, z.B. zweimal um den Block rennen, auf den Boden liegen oder ein Spiel machen, aber dazu seien 45 Minuten einfach zu kurz. Er versucht dann die Schüler in einem Gespräch «herunterzuholen», auch wenn dies eine Viertelstunde dauert. Er komme so aber immer noch weiter, als wenn er 45 Minuten Mathematik durchboxen würde. Das System Bezirksschule mit den vielen Fachlehrern und -stunden verunmögliche es, auf solche Situationen spontaner einzugehen und Fachstunden schieben zu können .

Bald beginnt die 10-Uhr-Pause und ich begebe mich ins Schulhaus zurück. Die Probe ist zu Ende. Marcel spricht einfühlsam auf eine Schülerin ein, welche beschämt zu Boden blickt. Auf meine Frage, ob sie gespickt habe antwortet er, dass sie im Franz eine Eins hatte und sich nicht getraue, diese von den Eltern unterschreiben zu lassen.

Bio-Doppelstunde 4. Klasse.     Marcel stellt mich, Herr Mützenberg, vor. Einer lacht. Marcel: «Warum lachsch eso saublöd?» Er: «Wegen dem Namen.» Marcel: «Wie heissisch denn du?» Er: «von Aarburg.» Die ganze Klasse lacht. Marcel: «Ich glaube, hiermit wäre das Thema auch bereits ausgeschöpft, fahren wir fort.» Thema Magerwiese-Fettwiese. Marcel zieht eine Tafel hoch. Geraden und Kreise. Geschmunzel. Versuch bei der nächsten Tafel: auch diese ist beschrieben. Gekicher. «Das würd öich wohl nie passiere?» Die Klasse einstimmig: «Neeei!»

Nun wird der Unterschied Trocken-, Mager- und Fettwiese erklärt. Die Schüler waren bereits auf einer Exkursion und sollen nun Pflanzen- und Tierarten aufzählen, welche sie dann beschreiben und den anderen vorstellen sollen. Im Nu stehen 30 Arten an der Tafel. Jeder wählt nun seine Spezis aus, um sie dann mittels aufliegenden Büchern auf einer halben oder ganzen Seite zu beschreiben, mitsamt den Beziehungen zu anderen Pflanzen oder Tieren. Das ganze wird dann kopiert und an die anderen verteilt. Marcel sagt mir, er beginne bereits in der ersten Klasse mit Ökologie, ohne jedoch dieses Wort zu erwähnen.

Die Schüler sollen nicht einfach reproduzieren, sondern global, in Zusammenhängen denken lernen. Dies versucht Marcel auch in der Physik zu erreichen, wenn er anhand des Weges der Energie eines Regentropfens bis hin zur drehenden Bohrmaschine diverse physikalische Teilgebiete durchstreift. Oder wenn er anhand des Velos alle mechanischen Gesetze bis hin zur Elektrizität erarbeitet. Auch er findet es «e Seich», dass Physik nur noch ein Jahr unterrichtet wird. Viel zu wenig Zeit, um sich in ein Gebiet vertiefen zu können. Manchmal denkt er, nur ein Jahr Physik, das sei «für´d Chatz».

Zurück zur Biologie: Ich staune ob der Artenkenntnis der Schüler. Marcel will das Augenmerk der Schüler vor allem auf die Flora lenken, Tiere hätten ja ohnehin die meisten daheim und Tierfilme sähen sie im Fernsehen. Seit er einmal die Schüler auf einer Wanderung aufgefordert habe dass sie, wenn sie schon auf die Pflanzen treten würden, zumindest wissen sollten, was für eine Art sie soeben zertreten hätten, läuft nicht nur er, sondern auch die anderen Lehrer Gefahr von den Schülern aufgefordert zu werden, die Pflanze bestimmen zu müssen, auf welcher auch sie gerade stehen. Während eines Jahres machte er mit den Erstklässlern fast jede Stunde mindestens 10 Minuten einen Rundgang ums Schulhaus um zu beobachten, wie sich die Pflanzen (einer Familie z.B.) über das Jahr verändern. Er ist begeistert vom Erfolg.

Item, die Viertklässler beginnen nun geschäftig ihre Bücher zusammenzusuchen und zu arbeiten. Im Tagesrückblick erzählt mir Marcel, dass ihn diese Doppelstunde am meisten aufgestellt habe. Die Schüler haben den Auftrag gut aufgenommen und dann motiviert und selbständig gearbeitet. Er geniesst es zu sehen, dass die Schüler checken, wie es bei ihm «laufen» sollte und wenn sie selbständig sind.








Mittagspause.     Mit vier anderen Lehrern, darunter Christine, Zeichenlehrerin und Freundin von Marcel, und Georg Egger, bei dem ich bereits vor 20 Jahren Turnen an der Kanti hatte, begeben wir uns ins nahegelegene Restaurant Killer, wo bereits die meisten Tische durch Lehrer aller anderen Stufen besetzt sind. Thema an unserem Tisch ist unter anderem auch Daniel, der mit der «Mehrwertsteuer», dem Sorgenschüler der Lehrer. Dann geht's wieder zurück zur Schule.

Marcel vergleicht das Lehren mit einer Gratwanderung: «Wieviel Freiheit kann ich den Schülern geben, wo setze ich die Grenzen?» Nicht das Fachliche ist für ihn Problem, sondern die Frage «wie schaffe ich die richtige Atmosphäre», «nimmt es sie wunder?» Einmal sei der Inspektor gekommen, gerade als die Schüler selbständig arbeiteten. Im Anschluss an die Lektion meinte dieser, dass er diesen Geräuschpegel nicht dulden würde, aber es sei ihm da drin «sauwohl» gewesen. Marcel weiss nicht so recht, ob er dies positiv oder negativ werten soll: Manchmal glaube er bei Schülern, dass sie etwas tun, einfach «weil er de Merki isch». Sie lernen also nicht «fürs Leben» oder «für die Noten», sondern «für de Merki».

Für mich ist das Problem, einem Schüler zu erklären, dass er für das Leben lernen soll, so gut wie unlösbar. Da funktioniert zumindest das «Lernen für gute Noten» schon besser. Natürlich hat der Lehrer auch die Möglichkeit, das Interesse am Lernen im Schüler zu wecken. Solche Werkzeuge eignen wir uns am Didaktikum ja auch an. Warum aber sollte ein Schüler nicht für einen Lehrer lernen? Ich bewundere und beneide solche Lehrer. Sie sind bei den Schülern beliebt.

Ebenso Gratwandern ist es, dass ein solcher Lehrer nicht ausgenützt wird. Marcel merkt das aber schnell und dann donnerts wenn nötig auch mal, damit allen klar ist, «wär ds Alphatier i dem Ruum isch».

Doppelstunde Bio:     «Zwöi Aa sofort Rue!» Vorerst keine Wirkung, dann langsames abklingen. Eine Schülerin macht eine Bemerkung ob Marcels Haarschnitt. «Ah, das isch nöi für öich». Er fährt sich mit beiden Händen über die Haare. Eine Schülerin: «Das macht Sie jünger».

«Bschscht, ...... meine Damen und Herren, zu den Aufgaben: Wie blühen die Gräser?» Ein Schüler erzählt. Später werden Korn- und Weizensamen aufgeschnitten und unter der Lupe betrachtet.

Zum Schluss noch etwas Mathematik: Die Schüler müssen ausrechnen wie hoch ein Kamin wäre, wenn seine Höhe zum Durchmesser die selben Proportionen wie die eine Grashalmes hätte. 1,5 km ....«Ihr staunt einfach nicht mehr», darauf die Klasse: «Ooh, aah.»
Wie gross wäre der Eiffelturm? 58 km ..... «Nicht erstaunlich?» Die Klasse: «Ooh, aah.»
Wie gross wäre ich? 90 m. Nun die Klasse ohne Aufforderung: «Ooh, aah.»

Marcel war mit dieser Doppelstunde nicht sehr zufrieden. Die Schüler sind zu unselbständig. «Ich müsste eine Stunde nur dafür verwenden, um sie soweit zu bringen, wie ich sie gerne haben möchte.» Aber: «Lieber läbigi Schüeler wome zwüschedure muess z´rächtwiise als Schüüchi, wome nid weiss, wora me isch.» Die Spannungen, welche unter den Schülern dieser Klasse vorherrschen, bereiten Marcel Mühe. Es ist hier schwer eine Atmosphäre zu schaffen, so dass es allen wohl ist und dass sich jeder getraut auch einen Mist rauslassen zu können, ohne dass gehänselt wird.

Nun ist der Schultag zu Ende. Marcel ist mit dem Tag zufrieden, da die Atmosphäre im Klassenzimmer gut war. Er zeigt mir noch das Biotop, welches er mit den Schülern ausgebessert hat und den Weg, welchen sie in einer Arbeitswoche gebaut haben. Ich will von ihm wissen, was er denn für Lehrervorbilder gehabt habe. Einen an der Primarschule, den hatte er einfach gern. Und «der Doppler an der Kanti (Chemie), der hat´s geschafft, uns träge Bande aus der Reserve zu locken, unsere Kapazitäten zu wecken. Der hat uns soviel Selbstverantwortung gegeben, dass wir nicht anders konnten, als etwas Konstruktives zu leisten. Bei seinen Proben durften wir alle Unterlagen benutzen, so wie es eigentlich dem Alltag entspricht. Wir mussten lernen mit Situationen umgehen zu können und nicht wie bei den anderen Lehrern lediglich zu reproduzieren und zu funktionieren. Das ist was mich fertig macht, eine Klasse die nur reproduziert.»



Dieser Bericht wurde im Rahmen eines Praktikums am Didaktikum Aarau geschrieben (September 1995, M. Mützenberg)